Ach da reimt sich nix drauf. Ist ja auch egal
Was ich eigentlich sagen will: Die Hundenase ist ein faszinierendes Sinnesorgan. Da erzähle ich nix Neues.
Jeder Hundehalter kann ein Lied von singen, wenn auch im letzten Winkel des Gebüsches noch achtlos weggeworfene Pizzastücke, Dönertaschen und derlei mehr gefunden und schnell runtergeschlungen werden. Oder eine läufige Hündin 1 km entfernt den eigenen Rüden mit querstehenden Augen, klappernden Zähnen und Sabberfäden durchdrehen lässt.
Wobei letzteres Phänomen auch noch auf das unglaubliche Jakobsonsche Organ / Vomeronasalorgan (VNO) zurückzuführen ist, mit denen Hunde hierüber hauptsächlich Pheromone aufnehmen und diese Gerüche sogar schmecken können. Faszinierend allemal. Und genau so anstrengend auf jedem Spaziergang.
Facts & Figures
Und hier kommen ein paar krasse Fakten (die so lange als Fakten gelten, bis die Wissenschaft etwas anderes herausfindet – Stillstand sollte es nicht geben, nicht in der Wissenschaft und auch nicht in unseren Köpfen).
Wenn dir das alles zu staubig ist, kein Problem. Dann kannst du gleich hier zu Piggyback No.18 (link) weiter springen. Nun geht’s aber los:
Hunde sind Makrosmatiker. Der Begriff deutet es schon an: sie können Makro mäßig riechen. Wie unglaublich die Riechleistung allerdings wirklich ist, können wir nur versuchen uns vorzustellen.
Diese Fakten hast du wahrscheinlich schon mal gehört (die Zahlen unterscheiden sich in den Quellen, aber da muss man jetzt nicht kleinlich sein)
- Hunde riechen ca. 40x besser als Menschen
- Hunde haben ca. 200-300 Millionen Riechzellen (olfaktorische Rezeptorzellen (ORCs)), Menschen dagegen ca. 5-6 Millionen
- Die Riechschleimhaut hätte ausgelegt eine Fläche von ca. 100 cm2 (abhängig von der Größe und Form der Nase), wir Menschen kommen mit 10 cm2 aus
- Der Riechkolben (Bulbus olfactorius) im Gehirn, der für die Aufnahme, Verarbeitung und Weiterleitung der olfaktorischen Reize zuständig ist, macht bei Hunden 10% der Gehirnmasse aus, und reicht da ganz bescheiden 1 %.
- Die Geruchserkennung soll 10.000 – 100.000 fach höher sein, als die eines durchschnittlichen Menschen.
Was du aber vielleicht noch nicht weißt
Hunde haben einen isolierten „Gang“ in ihrer Nase, der nur für das Aufnehmen von Gerüchen zuständig ist (der olfaktorischen Aufnahme). Dieser ist von den respiratorischen Gängen getrennt, durch die der Hund atmet. Ca 10 – 15% der Atemluft werden direkt in diesen olfaktorischen Gang aufgenommen.
Das ist richtig schlau gemacht, denn so verwirbeln die Geruchsmoleküle nicht ständig mit frischer Atemluft, gelangen konzentrierter an ihre Rezeptoren und können sich auch länger dort aufhalten.
Außerdem strömt die Luft in die Hundenase vorne ein und an den Seiten wieder aus, was zum einen dazu führt, dass die Geruchsmoleküle vor der Nase nicht weggeatmet werden und gleichzeitig Luftbewegungen / Verwirbelungen entstehen, die noch mehr Moleküle in die Nase befördern.
Spätestens da war ich so was von fasziniert und wieder unglaublich beeindruckt, was die Natur im Laufe der Evolution sich so für irres Zeug ausdenkt. *
Ist es nicht faszinierend?
Und jetzt noch obendrauf: Hunde riechen mit dem linken und rechten Nasenloch getrennt – na, da staunste, wa? Sie können also dadurch sehr präzise feststellen, woher ein Geruch kommt und wohin er geht.
Studien zeigten auch, dass geübte und besonders talentierte Menschen durchaus höhere Leistungen mit ihrer Nase erzielen können, doch der Otto Normal Riecher ist dennoch ganz weit von den Fähigkeiten der Hunde entfernt. Unter anderem, weil wir Menschen uns mehr auf andere Sinne konzentrieren.
Die Anzahl der Gene, die grundsätzlich für die Ausbildung der Rezeptoren genutzt werden könnten, unterscheidet sich dagegen gar nicht so sehr bei Hund und Mensch.
Allerdings kommt es auch immer darauf an, wie viele Gene davon wirklich „angeschaltet“ sind.
Weil wir Menschen uns eben mittlerweile mehr auf unsere anderen Sinne verlassen, sind diese Gene für uns nicht mehr so nützlich, wie noch vor x tausend Jahren. Wir haben unsere Energie in andere Sinne und Fähigkeiten investiert und das ist auch gut so.
Ebenso gut ist es, dass die Hunde den größten Teil dieser Gene aber noch aktiviert haben und ihnen sehr effiziente Rezeptoren und eine unglaubliche Geruchsleistung bescheren.
Aha, das erklärt ja so einiges…
Der Geruchssinn hat übrigens auch einen direkten „Draht“ zum emotionalen Zentrum, der Amygdala. Fluch und Segen möchte man meinen, denn auf der einen Seite kann man nur mit einem Geruch Emotionen positiv beeinflussen (die Möglichkeiten sind vielfältig: Räucherstäbchen, Aromatherapie, Blumen, „hier riecht es wie bei xxx“) gleichzeitig entzieht es sich auch unserer Kenntnis, warum Individuen plötzlich unverhältnismäßig reagieren, obwohl doch „gar nix los ist“.
Wundert sich jetzt noch jemand, warum Hunde manchmal da draußen völlig überfordert sind oder nicht entspannt, sondern total aufgekratzt vom Spaziergang zurückkommen? Ich nicht!
Lassen wir das doch mal so stehen bis zum nächsten Piggyback – der wird auch wieder etwas handfester, versprochen!
*Leider sind einige Hunde(rassen) dieser ausgeklügelten Anatomie beraubt und auch wenn sie immer noch besser riechen können als Menschen, ist es viel anstrengender und quälender als bei nicht brachyzephalen Hunden! Wenn ich jedes Fitzelchen Luft zum Atmen und Überleben brauche, bleibt für den Spaß nicht viel übrig.
Take Home Message für heute (für Nerds und Angeber;))
Aus Canine Olfaction: Physiology, Behavior, and Possibilities for Practical Applications:
Bei Hunden, wie auch bei anderen Spezies (z. B. dem Menschen), ermöglicht der Mechanismus der nasalen Luftströmungsmuster während der Inhalation die Erfassung separater Geruchsproben in jedem Nasenloch, wodurch ein bilateraler Vergleich der Reizintensität und der Lokalisierung der Geruchsquelle möglich wird. […]
Bei der Diskussion des nasalen Luftstroms sollte das bei Hunden beobachtete Phänomen der Schnüffellateralisierung erwähnt werden. Dieses Phänomen ähnelt nachweislich der auditiven und visuellen Wahrnehmung bei Hunden […] Hunde neigen stark zum rechten Nasenloch, da sie zuerst durch dieses Nasenloch zu schnüffeln beginnen.
Stellt sich der Geruch dann als vertraut oder nicht abstoßend heraus, wie etwa Futter, wechseln sie zum linken Nasenloch.
Sind die Reize jedoch neuartig, bedrohlich oder erregend, wie etwa Adrenalin, benutzt der Hund weiterhin nur das rechte Nasenloch.
Diese Ergebnisse stehen im Einklang […], dass die rechte Hemisphäre die Verarbeitung neuer Informationen kontrolliert, während die linke Hemisphäre dann die Verantwortung für Verhaltensreaktionen auf bekannte Reize übernimmt und die rechte Hemisphäre die Dominanz über die Sympathikus-Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse behält. […]
Quellen:
Kokocińska-Kusiak A, Woszczyło M, Zybala M, Maciocha J, Barłowska K, Dzięcioł M.
Canine Olfaction: Physiology, Behavior, and Possibilities for Practical Applications.
Animals (Basel). 2021 Aug 21;11(8):2463.
Jenkins EK, DeChant MT, Perry EB.
When the Nose Doesn’t Know: Canine Olfactory Function Associated With Health, Management, and Potential Links to Microbiota.
Front Vet Sci. 2018 Mar 29;5:56.
Übersicht über die Anatomie und Physiologie des Geruchssinns von Hunden.
Mögliche Auswirkungen von Krankheiten, Fütterung, Pharmazeutika, das Mikrobiom.
Eher für den professionellen Spürhunde-Bereich, dennoch sehr aufschlussreich.
Buzek, A.; Serwańska-Leja, K.; Zaworska-Zakrzewska, A.; Kasprowicz-Potocka, M.
The Shape of the Nasal Cavity and Adaptations to Sniffing in the Dog (Canis familiaris) Compared to Other Domesticated Mammals: A Review Article.
Animals 2022, 12, 517.
Ein Artikel über die die signifikanten Probleme von Hunden mit dem brachiocephalen Syndrom (BOAS) und deren gravierenden Einschränkungen in Bezug auf die Atmung und die Riechleistung dieser Hunde.